SILICON GENESIS EUROPE

Ing. Curt Kesting

Electronica 2006 – November 17, 2006

 

By Horst G. Sandfort (HGS)

 

(HGS)

Herr Kesting, willkommen zur ELECTRONICA 2006 hier in München, da haben wir ein Thema ausgesucht, das heisst: „Silicon Genesis Europe“ und wir wollen uns heute speziell mit dem Thema

„FAIRCHILD SEMICONDUCTOR in Europa“ beschäftigen.

 

Ich will zur Einführung, nochmal in Erinnerung: 1957, gab es einen grossen Krawall in den berühmten Shockley Laboratories. Dort sind 8 Herren abtrünnig geworden, wurden auch von Herrn Shockley, dem berühmten William Shockley, als Abtrünnige bezeichnet und sie gründeten

mit Hilfe eines Ostküsten-Industriellen, nämlich einem gewissen Sherman Fairchild, ein neues

Unternehmen. Das war 1957 und bereits weniger als 10 Jahre später, kam dieses Unternehmen

auf die Idee, sich aus dem Silicon Valley, Europa zuzuwenden und man ging nach Italien und

suchte sich einen Partner und dieser Partner war die italienische Regierung, mit Hintergrund

der Olivetti und Telettra und den gemeinsamen Investitionen wurde dann die Firma SGS-

Fairchild gegründet. Und Sie waren praktisch von Anfang an dabei. Wie war das damals, als

Deutscher, der sich in die Hände der Italiener und Amerikaner begibt, um Halbleiter-Geschichte

zu schreiben?

 

(C.K:) Na ja gut. Zunächst habe ich mich nicht in die Hände der Italiener begeben, sondern

wir hatten in Deutschland ein rein deutsches Team, lediglich der Personalchef war ein Italiener,

ein Dr. Pepperle. Das Team war im wesentlichen von den Italienern und auch Amerikanern von

Fairchild ausgesucht, bestand zum grossen Teil aus Ingenieuren und Fachkräften der Firma

Siemens, Balanstraße, also das Halbleiterwerk der Firma Siemens , heute Infineon und

die Fertigung bestand zum grossen Teil aus Leuten der Firma Akkord. Akkord war damals eine

Autoradio- und portable Radiofirma, die im Schwäbischen, ich glaube in Landau in der Pfalz,

tätig waren. ÄHH, ja ich bin also im Spätsommer sechsundsechzig zu Fairchild gestossen, man

hat äh, äh fünfundsechzig wurde eben unter dem Deckmantel der IRI dessen Tochterfirma

STET, dieser Zusammenschluß gegründet: SGS-Fairchild. Die Aktien waren zu einem Drittel ver-

teilt, ein Drittel hielt Fairchild, ein Drittel Olivetti und ein Drittel IRI/STET und das know-how war natürlich Fairchild. Es ging also um Silicon. SGS war vorher schon tätig gewesen in Italien,

aber auf dem Germanium Markt und Fairchild hatte sich ja nun dem Silizium verschrieben. Wir

hatten sechsundsechzig äh unser Werk in einem alten Krankenhaus in Wasserburg am Inn etab-

liert. Ich kann mich noch entsinnen, unser äh ehm Leadbond Operationsraum, also wo die äh

Drähte von den Dies zu den Anschlüssen produziert wurden, das war ein besserer Operationssaal des Krankenhauses, der war so weiss gekachelt, gerade bis zur Decke und, und äh ehm ja also, da in diesem Krankenhaus begannen wir mit der Produktion. Am Anfang hatten wir eine Produktion von sogenannten Mesa Transistoren, die Technologie, wie gesagt aus USA, ähm, das waren P-N-P und

N-P-N Trasistoren, die wir da herstellten und ausschließlich Tranistoren.

(HGS:) Sie haben mal so schön beschrieben, wie ähm, die ersten Anfänge in Anführungsstrichen in einem Operationssaal als Semiconducor Operations gegründet wurden. Wie muss man sich das heute vorstellen, gab es denn bereits alle möglichen Geräte, die man am Markt erwerben konnte, um eine Produktion aufzuziehen, oder musste man praktisch Pioniergeist entwickeln, und noch selbst für die Herstellung und für die Anschlüssse der damaligen Drähte auf die Silicium-Chips noch entwickeln und durchführen?

 

 

 

 

(C.K:) Das ist ein guter Punkt Herr Sandfort, denn äh, das war eigentlich auch laienhaft für mich

äh ein belebender Punkt, weil ich hatte also meine Ausbildung bei der heute Deutschen Telekom

begonnen und eigentlich sehr schnell gemerkt, äh dass es dort nach den Prinzipien ging, äh

„not invented here“. Also wurde hier nicht erfunden und was es vorher nicht gab, das gibt's denn heute auch nicht und: das haben wir immer schon so gemacht. Und das war das, was mich also bei äh äh bei SGS-Fairchild so fasziniert hat, dass es, es gab keine Boundaries, es gab keine Limitierungen, man musste also tatsächlich improvisieren. Es gab Niemanden, der einem erzählt hatte, „das haben wir immer schon so gemacht“. Und die Produktionsgeräte kamen natürlich aus USA beziehungsweise wurden in Italien teilweise gefertigt.

Wir hatten eigene Produktionsstätten, die Chips und dergleichen für diese Fertigung herstellten,

aber die, sage ich mal, die wesentlichen Geräte, wie meinetwegen Bonder, Die-Attach und so, das waren die gleichen Firmen, die auch heute da sind: Kulicke und Soffa, ESEC. Wir hatten dann

in Wasserburg, waren eine der ersten Firmen in Europa, die damals dann mit Ultraschall begannen. Bis dato hatte man also nur mit Golddrähten die Kontaktierung vorgenommen, was auch heute ja auch wieder der Fall ist und die Golddrähte wurden also mit mittels Kappilarien und Thermokompression auf die Dies montiert und dann anschliessend auf die Anschlüsse und wir fingen dann an ehm ehm Transistoren im Metallgehäuse zu fertigen, mit Aluminiumdrähten und mit Ultraschall. Da war dann eine deutsche Firma, Dr. Leefeld, ich glaub, die war'n in Paderborn oder in der Nähe oder , die also diese Generatoren dann gefertigt hatten und das war also damals noch relativ neu. Die Werkzeuge selber zum Beispiel, Bonding, Kappilarien, waren von SEMTEC aus USA oder ESEC in der Schweiz, die auch heute noch

glaub ich, da sind, in Zug. Und eh, was dabei ansonsten benötigt wurde, da war unsere, sag ich

mal, Kreativität oder Ingenuität gefragt und Chips und dergleichen mussten wir teilweise

selber machen und eh, ich kann mich noch entsinnen, also einer meiner ersten Aufgaben war,

wir hatten also immer Gilbprobleme bei ähhh, damals wurden also, gab es noch keine Maschinen

„pick und place“. Mußten also unsere Mädels mit einer Saugpinzette, die kleinen Dies, die ja nur

0, 9 mm groß waren von einer Goldplatte oder von einem Waver aufnehmen, auf eine Goldplatte und

dabei wurden sie gezählt, und da, das war auch gleich die Massgabe für die Ausbeute, und dort

verschwanden immer Dies. Also es hiess, es sind tausend Dies auf der Platte, aber wenn wir dann zum Schluss Transistoren gezählt hatten, waren es bloss 950 oder was. Und dann haben wir überlegt,

wie wir das machen können und dann war es ganz einfach, wenn man.. diese Goldplatten wurden

gewogen, also ich hab mir dann überlegt wie man das macht, jede Goldplatte mit einer Präzi-

sionswaage gewogen, vorher und nachher, das heisst also tausend kleine Dies wurden also dann

mit gewogen und so konnten wir feststellen, wieviel Dies dann tatsächlich drauf waren und ob es

stimmen konnte. Der psychologische Effekt, dass die Mädels nun wussten, aha, da kontrolliert uns

jemand, hat eigentlich den wesentlichen Anteil dazu beigetragen, dass dann hinterher die Aus-

beuten wieder gestimmt haben. Also, Ihre Frage zu beantworten: ja, die Kreativität und die

Ingenuität und das war auch das Interessante an der Sache.

 

(HGS:) Wie ging es dann nachdem die Transistoren in Wasserburg aus oder im Krankenhaus mit

der Fertigung aufgenommen wurden und dann in den Markt auf deutsch gesagt, verkauft wurden? Ehm was passierte danach? Wie lange sind Sie im Krankenhaus geblieben, in Anführungsstrichen?

 

(C.K:) Ja, es wurde gleich entschieden, also es war gleich entschieden worden, daß man ein Werk baut. ÄH, dieser Zusammenschluß SGS-Fairchild beinhaltete ja nicht nur Deutschland, sondern es wurden gleichzeitig ein Werk in Schottland, in Schweden und in Rennes in Frankreich aufgebaut und es wurde auch gleich mit dem Beginn neuer „dedicatet“ eh eh Produktionsstätten begonnen. In Wasserburg eh eh hatten wir, glaube ich, den ersten Spatenstich im Jahre siebenundsechzig. Dann ist uns ein Unglück passiert. Mittags, als die Bauarbeiter gerade Mittagspause gemacht haben, kam ein kleiner Wind, dann ein Stürmchen und dann brach das ganze Stahlskelett zusammen und es waren also die ganzen Eisenträger waren verwirrt und ein großes Trara, aber das hat also das Ganze glaube ich um ein viertel Jahr verzögert oder so. Das heisst, eh, das erste Werk in Wasserburg, später sollte ja noch ein zweites hinzukommen, das wurde glaube ich neunzehnhundertachtundsechzig eh eh eh eröffnet und eh eh das war also voll klimatisiert und den, den Ansprüchen gerechtfertig, also das Werk in, das alte Krankenhaus in Wasserburg, was sinnigerweise auch noch gegenüber dem Friedhof war, weil das in Bayern so üblich war, der Friedhof ist ja nun direkt gegenüber von der Kirche und am Krankenhaus, das alte Krankenhaus

 

waren natürlich keine klimatisierten Räume. Man hatte das damals in Anspruch genommen, weil man gedacht hat, na ja im Krankenhaus ist es sicherlich recht sauber und so weiter. Aber unser Werk, eh, dann das neue Werk in Wasserburg, das war dann voll klimatisiert und den Ansprüchen, den damaligen Ansprüchen gerecht zu werden.

(HGS:) Können Sie nochmal kurz beschreiben, was in diesem Werk dann eh produziert wurde.

 

(C.K:) Eh, wir haben in Wasserburg (HGS:) ohne zu tief in die technischen Details zu gehen.

(C.K:) Ja, ja, ja ja wir haben in Wasserburg (HGS:) also so, dass das allgemein verständlich ist

eh, damit die Leute ein bisschen was erleben von der Komplexität, wie einfach damals die Dinge

trotz hoher Komplexität waren, gegenüber dem, was wir heute in der Halbleiterindustrie laufend

hören. (C.K:) Eh, für die Leute, die sich auskennen, wissen wir ja, dass Halbleiter im wesentlichen

Dioden und Transistoren sind, auf einem Mikrochip, wie er heute genannt wird, besteht ja aus un-

zähligen Transistoren und Dioden. Aber in Wasserburg wurden immer nur Transistoren herge-

stellt, also keine Dioden. Äh, am Anfang ganz normale P-N-P und N-P-N Transistoren, äh im Laufe

der Zeit gab es dann komplexere Transistoren, also sprich UHF -Transistoren mit Channel-Stop und anderen technischen Dingen, die dann auch noch einen Schirm hatten. Einer unserer

Grosskunden war zum Beispiel die Firma UHER, die damals hervorragende Tonbandgeräte

produziert haben und für die hatten wir also damals eheheh Sonderprodukte mit rauscharmen Spezialmessungen, es wurde also noch selektiert, weil das eben für den Tonbandbereich sehr wichtig war und eh, wie gesagt, also Wasserburg war immer nur Transistoren eh, es wurde aber neunzehnhundertsiebenundsechzig mit einer zweiten Linie begonnen, nämlich die Metal – Can-Transistoren, also Metallgehäuse. Und eh

(HGS:) welches Gehäuse hatten denn die Transistoren ?

(C.K:) Das war einfach nur ein Keramikträger von Kyocera in den dann drei kleine ehm ehm, Metallstifte gesteckt wurden, die vergoldet waren ehm, auf dem dann das Die befestigt wurde, mittels Die-attach und dann, dann da die zwei Drähte zum ehm Emitter und Basis und ehm ehm. Noch ein Punkt dazu, ja

also, das war ein ein ein Keramikträger, auf den wurde dann zum Schluss, wenn er, wenn er ehm die Montage des Transistors fertig war, wurde ein Silicontropfen zum Schutz des Dies eh eh

eh drauf getan und dann anschliessend ein Epoxy, das heisst es wurde also tatsächlich

mit einer Spritze wie vom Arzt, Epoxyharz angemischt und dann musste das Mädel, wie in

der Bäckerei, auf jeden Transistor so ein Hütchen setzen. Und das gab so interessante Sachen,

weil manche Damen waren allergisch gegen Epoxy, sie kriegten dann fürchterliche

Ausschläge und konnten dann nicht weiter machen. Dann brach die Produktion wieder zusam-

men. Plötzlich war hundert Prozent der Poduktionskapazität lahm gelegt. Interessant war auch

noch, äh im Deutschen heisst es ja Halbleiter und äh, es ist jetzt nichts gegen die Bayern, aber

die Einheimischen erzählten sich, dass man in diesem Werk dort halbe Leitern baut, ha ha ha

und ich hab das so selber erlebt, weil ich ja in dem Ort dann auch gelebt habe. In Wirtschaften

zeigte man sich dann diese kleinen Transistoren und nannte sie kleine Steinchen, das ist das,

was die da produzieren, ganz mysteriös, ja. Und, wie gesagt, wir haben also keine Leitern ge-

baut, sondern Halbleiter oder Semiconductors, was heute High Tech heisst.

 

(HGS:) Sie haben so schön beschrieben, wie diese Umfelder entstanden sind, wie kompliziert

die Abläufe waren, trotz Einfachheit gegenüber den heutigen Dingen, eh, woran sind die soge-

nannten Dies, das heisst die Chips, herbezogen, die also den Transistor auf der Siliciumebene

dargestellt haben?

 

(C.K:) EH, die eh, wir bekamen also die Wafer, das sind also die runden Scheiben, auf denen

also die Chips eh praktisch eh diffundiert werden. Wir bekamen die Wafer aus Italien eh es gab eine

Diffusion in Italien, wir bekamen die, aber teilweise kamen die auch aus den USA von Fairchild

direkt. Wir hatten aber auch damals schon Lohnfertigungen , ich erinner mich also, wir haben

Transitron, von denen wir auch Wafer bekamen und der erste Schritt, um darauf kurz einzugehen

war also, dieser Wafer he wenn man heute im Fernsehen sich die Wafer anschaut, das sind

heute zehn oder fünfzehn Zoll-Scheiben von solchen Durchmessern, damals waren die Dinger

dreiviertel Zoll im Durchmesser und waren auch noch in viele Stücke zerbrochen. Äh, es begann

damit, man musste sie also erst mal mittels Kanauba Wachs auf einer Metallplatte aufkleben.

 

Buchstäblich ganz vorsichtig, dann wurden sie mit einem Diamanten wurden sie geritzt, vorsichtig mit einer Metallrolle, so dass sie auseinander brachen eh und anschliessend dann, wie gesagt, mit dieser Pinzette auf eine vergoldete Messingplatte und dann wurde die eigentliche Kontaktierung vorgenommen. Interessant war in dem Zusammenhang auch noch, was das Personal anbelangt. Wir haben also wirklich in den Jahren sechsundsechzig bis neunundsechzig buchstäblich jedes Wochenende damit

verbracht, auf die Dörfer zu gehen, auf die umliegenden Dörfer mit unseren Mikroskopen,

mit unseren technischen Geräten, um den Einheimischen zu zeigen, was machen die denn

da in diesem komischen Werk, weil die Leute natürlich sehr mißtrauisch waren und die

Bayern sind sehr bodenständig und das war alles ein bisschen suspekt. Und wir haben also

wirklich sehr viel Mühe aufgebracht, haben es aber nie geschafft, unser Werk also voll zu

bringen mit Mitarbeitern. Wir mussten also, nachdem der Druck grösser wurde, mussten wir

also dann Leute aus der Türkei, selbst aus Schottland haben wir Leute eingeflogen, die

also dann in Wasserburg gearbeitet haben. Ich erinner mich, wir haben damals vierzig

Schottinnen, die haben wir in einer Gaststätte untergebracht. Interessant ist, ich hab also

heute noch Kontakt mit einer dieser Schottinnen. Die Schottinnen haben sich dann assimi-

liert, die haben also Deutsche geheiratet, Italiener und wie gesagt, einige sind tatsächlich

heute noch in Wasserburg. Und leider ist also erst neunzehnhundertsiebzig, neunund-

sechzig, siebzig hatten wir dann, hatten wir fünfzehnhundert also anderthalbtausend Mit-

arbeiter, so dass das Werk halbwegs effizient ausgelastet war.

 

(HGS:) Also, ich möchte es nochmals ganz kurz festhalten, also von den Anfängen ein-

ner Person, die im Operationssaal des alten Krankenhauses in Wasserburg als Einzelperson

begonnen haben, die halben Leitern – Entschuldigung – zu fertigen, von dem Anfang in ehhh

sechundzechzig bis neunzehnhundertachtundsechzig, neunundsechzig sagten Sie gerade,

ist das Werk mitarbeiterzahlmässig auf eintausendfünfhundert Mitarbeiter gewachsen.

(C.K:) ja, ja. (HGS:) ja

(C.K:) Wir hatten also noch größere Pläne, aber ich sag es mal, der erste Schock war eigent-

lich achtundsechzig, äh äh, hervorgerufen durch äh die, wie man heute sagen kann, Dumm-

heit von Sherman Fairchild, der nur geglaubt hat, damals, dass sein damaliges Team seine

Firma nicht an die Hundertmillionengrenze bringen kann, äh und deshalb äh mmm Koryphäen

von Motorola eingestellt hat, äh mmm nämlich Herrn Hogan und seine sogenannten Heros.

Die Ironie des Schicksals ist, dass alle seine Leute, von denen er geglaubt hatte, dass sie es

nicht schaffen, nämlich Jerry Sanders und Co. in ihren neugegründeten Firmen wesentlich

eher die Hundertmillionen durchbrochen hatten, als Fairchild, der es erst später schafft, aber

das sind alles solche Dinge. Jedenfalls, als die Trennung kam, das war also auch in Europa ein ge-

waltiger Schnitt und zwar, ich war damals noch ein junger Spund und verstand ja von dem,

von der Politik nichts. Aber ich kann mich aber sehr gut erinnern, dass unsere Experten, unsere

Koryphäen damals schon kopfschüttelnd auf und ab gingen und gesagt haben, Mensch, wenn

Fairchild hier aussteigt, das ist also nicht so gut und das hat Folgen. Und tatsächlich muss man

auch sagen, hat also der Ausstieg von Fairchild dann dazu geführt, dass wir unsere beiden

Hauptkunden verloren haben, denn das Werk Wasserburg wurde im wesentlichen von zwei

Firmen eh eh, nämlich Nixdorf und Siemens. Das waren damals unsere größten Abnehmer

und die Tatsache, dass also Hogan dann die eigentlichen Fairschild-Technologien ad acta

legte, wie nämlich die neuntausender Serie und sich auf Second Source von TI beschränkte, führte natürlich zwangsläufig dazu, dass Nixdorf gesagt hat, na was haben die dann noch an Technologie,

also können wir gleich zu TI gehen, Fairchild brauchen wir dann nicht mehr.

Was letztlich auch zur Schliessung des Werkes in Wasserburg neunzehnhundertsiebzig geführt

hat, denn ohne die beiden Hauptkunden waren natürlich die Umsätze weg und ähm das wurde

dann auch noch erschwerend äh verstärkt durch die Öffnung eines eigenen Werkes. Fairchild

hat ja damals neunzehn hundertsiebzig in Wiesbaden ein eigenes Werk auf die Beine gestellt.

(HGS:) Das heisst also, Fairchild hat sich durch den Wechsel im Management hat Fair-

child sich, hat sich aus der SGS-Fairchild-Liaison verabschiedet und ist dann eigene Wege gegangen. (C.K:) Richtig. Dieser Joint Venture, der eben Bestand zwischen Olivetti, Fairchild und eh Telettra

wurde, nein nicht äh Olivetti ehm und STET wurde aufgebrochen. Olivetti

übernahm dann die Anteile von Fairchild und eh , somit war es jetzt eine rein italienische Firma.

 

 

Äh und äh Fairchild begann also mit eigenen Aktivitäten. Das erste was Fairchild machte, war natürlich unsere Verkaufsleute abzuwerben, die Herren Wolf und und äh wurden damals also

abgeworben, gingen dann zu Fairchild nach Wiesbaden, kriegten dann damals tausend Mark

mehr, das heisst, die Gehälter waren damals ungefähr dreitausend Mark und im Vertrieb bekam

man viertausend Mark bei Fairchild.

(HGS:) Das war damals ein Haufen Geld.

(C.K:) Richtig, das war eine andere Sache. Aber vielleicht nochmal ganz kurz auf den Anfang.

Also das technische Team äh und das muss ich sagen, da denke ich auch heute noch sehr

gerne zurück, das war eigentlich eine wunderschöne Zeit. Wir hatten Technologie äh aus USA,

also State of the Art, das Fortschrittlichste was es gab zum damaligen Zeitpunkt, und wir hatten

ein Management-System, äh mmm, nach dem Motto der Amerikaner, nämlich äh äh, nach dem

amerikanischen Management-Prinzipien, Management by Objectives, äh, aber jetzt nicht von Amerikanern praktiziert und auch nicht von Deutschen, sondern von einem deutsch-italienischen Team. Und das war, fand ich, also eine sehr gute Symbiose, denn wir Deutschen neigen dazu alles super-

perfekt zu machen, die Italiener bringen hier die nötige Flexibilität und laissez-faire rein. Und das

hat also damals wirklich sehr gut funktioniert. Und wir waren dann noch so gesehen recht erfolg-

reich, aber wie gesagt, nachdem Fairchild sich dann zurückzog und äh äh selber in Europa mit

einem eigenen Werk auftrat, haben wir natürlich viele unserer Kunden verloren, damals.

 

(HGS:) Das heisst also, es gab einen Einbruch im Umsatz und im Geschäft äh für das Werk

Wasserburg von einer Dramatik, die soweit geführt hat, dass letztendlich sich das Konsortium

das italienische Konsortium, das Sie gerade beschrieben haben, entschlossen hat,

das Werk zu schliessen.

(C.K:) Ja, es wurde dann, es wurde tatsächlich geschlossen und vielleicht noch zwei Anekdoten

zum, zu der schöneren Zeit: Unser damaliger äh Werksleiter und General Manager ein Herr Dr. Reiher, der von Siemens aus der Balanstraße kam und äh äh wir hatten also auch natürlich einige gute Bayern, also richtig auserkorene Bayern, also unser technischer Leiter unseres Labors, ein Herr Lehnert, kam dann eines Tages in unser Büro. Wir hatten also damals ein Großraumbüro, das war ganz modern im neuen Werk natürlich, nicht im alten Krankenhaus. Und in diesem Großraumbüro wurden dann eines Tages Kübelpflanzen reingestellt und dann kommt der Herr Lehnert dort rein, sieht die Kübelpflanzen und schreit also ganz laut in das Großraumbüro „ui jetzt schauts ja aus wie im Urwald, fehlen nur noch en paar Vögel, paar Reiher und so“. Das war also damals so der Stil und es war schon, es war schon lustig. ÄH,

ja der, der traurige Teil war dann, das waren eigentlich zwei Effekte, also ich selber hab ja dann

neunzehnhundertsiebzig auch eh auch das Werk Wasserburg verlassen, weil nämlich, und das war auch von Fairchild sanktioniert worden, als sich herausstellte, dass es in Asien eben doch

preiswerter geht, das heisst, ich habe also neunzehnhundertsiebzig das Werk Wasserburg verlas-

sen und bin ins Werk nach Singapore gegangen, was siebzig dort aufgebaut wurde. Fairchild war

schon fünfundsechzig nach Hongkong gegangen und glaube neunundsechzig, oder achtund-

sechzig auch nach Singapore. Also, das war der eine Effekt, das heisst also, es gab Produktions-

stätten, die noch günstiger fertigen konnten, und der nicht unwichtige Punkt, wo auch Manpower

in genügender Anzahl zur Verfügung stand. Eh, und der zweite Punkt war eben unser unsere

zwei grossen Kunden. Bei Siemens, auch so bei Nixdorf, war es ganz klar, äh, die der Fehlent-

scheidung äh, dass Fairchild eben einfach nur noch „second source“ zu TI wurde. Bei

Siemens war es so, dass Siemens, wir hatten damals äh, das Hauptprodukt war das sogenannte

SST 117, das war ein Schalttransistor mit Teilgehäuse für die Siematic. Das ging ein Riesen-

schritt dann, und den hat Siemens natürlich versucht selber zu produzieren und haben die äh

ähhh abgekündigt. Dann sind unsere Leute natürlich hergegangen und haben gesagt, na ja das

könnt Ihr nicht einfach stornieren, da müsst Ihr Konventionalstrafe zahlen. Dann hat Siemens ge-

sagt, na gut, dann zahlen wir Konventionalstrafe, aber dann kaufen wir nie wieder was von Euch.

Dann ham wer natürlich klein beigegeben und es war das grosse Zähneklappern. Drei Monate später

kam Siemens wieder, klopfte an die Tür: „ könnt Ihr wieder für uns fertigen?“ Weil es ist ein Unter-

schied ob man ein paar tausend Transistoren in einer unproduktiven Fertigung macht, oder ob man jeden Monat 2 Millionen raushaut. Da hat unser Management damals versagt, denn sie haben sich also dann wieder in Sicherheit gewogen und haben gedacht, oh jetzt ist alles okay und ein Jahr später, nämlich dann neunundsechzig konnte Siemens dann tatsächlich die Fertigung und dann war tatsächlich Schluss.

 

 

Und das verbunden mit den Werken im, in, in Asien äh führte letztlich dazu, dass das, die Werke, es ist nicht nur Wasserburg, geschlossen worden. Muß ich auch sagen, es ist auch Schottland geschlossen, es ist glaube ich auch, äh das Werk in Schweden geschlossen worden.

 

(HGS;) Ja. Ist es aber denn nicht eigentlich widersinnig fast, dass dann ähh aufgrund der Ent-

scheidung, dass man bei Fairchild das Management gewechselt hat, Fertigungsstätten verlegt

hat nach Hongkong und nach Singapore, um tatsächlich noch mal einen Anlauf zu machen mit

einem Werk in Wiesbaden?

(C.K:) Na gut, das war ja nun äh die, die Entscheidung von Fairchild und für Fairchild war sicherlich damals klar, dass das SGS äh zuerst der Partner für sie war, um auf europäischem Kontinent Fuss zu fassen, aber nun begann man sich ja in andere Dimensionen zu bewegen und da war jetzt SGS nicht mehr „in“, wie man so schön sagt „der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“. Also jetzt sind wir groß genug und bekannt genug, und jetzt können wir auf eigenen Beinen stehen. Allerdings äh äh eben verschiedene Entwicklungen im Markt, eben auch Fernost, äh haben dazu geführt also äh ich hatte mich selber noch oder war selber angeworben worden von Fairchild war also im, im Winter neuundsechzig bei Glatteis nach Wiesbaden gefahren, um mit Norman Miller zu sprechen, der also das Werk von Fairchild dort ähm aufbauen sollte. Ähh, das Werk, das hat sich aber dann zerschlagen, weil, weil SGS mich behalten wollte und mir dann eben einen Job in Singapore angeboten haben, was für mich

interessanter war in dem Moment. Ähh das Werk Wiesbaden wurde dann äh eröffnet, aber

wurde gleich im nächsten Jahr, einundsiebzig, auch wieder dicht gemacht. Also das Werk Wies-

baden, das Fairchild-Werk Wiesbaden, wurde nach einem Jahr wieder stillgelegt und äh man

hatte es also auch schon konzipiert. Man hat also ein grosses Werk gebaut in Wiesbaden direkt

im Autokreuz, an, am Schiersteiner Kreuz und hatte nur die Hälfte dieser Halle, diese, dieser Halle

ausgebaut, in die andere Hälfte sollte eine Diffusion reinkommen. Das war aber alles noch leer, wie

gesagt, das war ein Jahr später, war ähh wurde das wieder eingemottet. Es wurde dann nur ein ein Notbetrieb noch, fand noch statt, und ich befand mich zu der Zeit dann in Singapore und als

ich aus Singapore zurückkam und das auch eine interessante Entscheidung. Wie ich, der Lauf

der Geschichte äh damals so ging ähm, Olivetti, die ja nun äh äh ein Grossteil der äh Aktien

hatten, nämlich zwei Drittel, äh geriet in Schwierigkeiten, weil wir äh erinnern uns zum damaligen

Zeitpunkt die Olivetti-Rechenmachinen waren Kisten von dieser Grösse ähm beim Multiplizieren

musste man noch fünfmal drehen ratatata......und dann kam ein Ergebnis heraus.

So es zeichnete sich ab, das, das Zeitalter der Computer. Und Olivetti geriet in Schwierigkeiten ähm, musste sich also von ihrem Aktienpaket trennen. Äh dann begann es, es begann ein Poker-

spiel, man begann mit Motorola zu pokern, sprich also, man tat so, als ob Motorola äh das äh

die Anteile von Olivetti kaufen wollte und das ähm äh das Ganze war aber wie gesagt mehr

eine Phrase eh und dann trat äh also IRI äh ein und äh IRI, eine Staatsholding mit dem Hinter-

grund, dass also Schlüsselindustrien in italienscher Hand sein sollten und ähm IRI übernahm

dann die Anteile von Olivetti und äh interessant war eben auch, dass zu dieser Staatsholding von

IRI gehörte schon ATES. Nun war es so, ATES war der kleine Zwerg in Italien, der hatte

vielleicht einen Umsatz von zehn Millionen. SGS vielleicht einen Umsatz von hundert Millionen,

also Faktor zehn. Dummerweise war es jetzt so, dass der Zwerg den Riesen übernahm, das

heisst, der ganze Hass, der sich da aufgestaut hatte, manifestierte sich jetzt. Es kamen also

die ATES-Leute nach oben ins Management und ich selber habe also darunter gelitten, denn

mir wurde auch praktisch in Singapore der Stuhl vor die Tür gesetzt und die haben sich drum

geschissen, was meine Verträge sagten und so. Und ich musste also tatsächlich dann nach

einmonatigen täglichen Verhandlungen und Drohungen mit dem Singapore Bureau for

Corruption and Foreign Affaires bis man mir endlich zugestanden hat, mir mein Rückflug-Ticket

zu geben. Oh - jeh

(HGS:) Das waren ja richtig rauhe Methoden eigentlich früher immer den Texanern zugeordnet.

(C.K:) Gut, ähm eine, eine andere Anekdote nochmal. Um ganz kurz zurückzukommen, weil Sie

von texanischen Methoden reden. Welche Produkte wurden da denn hergestellt, also wie gesagt,

in den sechziger Jahren bis Anfang der siebziger Jahren wurden nur Transistoren hergestellt, aber

es gab später auch Transistoren, die also vier Anschlüsse hatten, nämlich zum, als, als

Schirm und so weiter. Und da komm ich doch eines Tages, komme in der Früh, wir arbeiten

in zwei Schichten, auch noch ein interessanter Punkt.

 

 

Was auch sicherlich dazu beigetragen hat, dass Wasserburg niemals so effektiv war. Wir haben es nie geschafft die dritte Schicht aufzubauen. Das hing einmal damit zusammen, dass wir eben nicht genügend Mitarbeiter bekamen und zweitens Nachtschicht in Europa zumindest damals war es sehr, sehr schwer

das zu praktizieren.

Ich komme also in der Früh ins Werk und sehe also einen Blechkasten voll mit Transistoren

und dort lag in Zettel drin, mit einem Seitenschneider und da stand drin: Herr Herrmann, das war der Leiter unseres Prüffeldes, Herr Herrmann, diese grossen Transistoren haben vier Beinchen statt drei

und sollen wir eins abzwicken? Wenn die Mädels jetzt tatsächlich angefangen hätten eins abzuzwicken,

dann hätten sie einmal den Kollektor abgezwickt, einmal die Basis oder einmal den Emitter. Dann

hätten wir die ganze Produktion, hätten wir verschrotten können, ja. Also wir haben fast einen Herz-

kasperl bekommen, als wir das gesehen haben. Also das waren...

(HGS:) Das nennt man Pioneerzeit.

(C.K:) Ja, das war es wirklich.

(HGS:) Aber lass uns noch schnell den Sprung machen, dann gab es für Sie ehm die harte Zeit,

hart zu verhandeln, auch aus Singapore wieder zurückzukehren, aus Singapore wieder auszu-

wandern. Wo ging die Reise hin ?

(C.K:) Ja, meine Frau ehm, wir hatten schon ein Kind, meine Frau war schwanger im sechsten Monat ehm, wie das Schicksal manchmal so spielt, ehm. Mein damaliger Chef, ein, ein Amerikaner, Art Massicott, auch ein Fairchild-Mann, eh, der bei SGS arbeitete, hatte mir dann gesagt: hör zu Curt, wenn Du einen Job in Singapore haben willst, ich helfe Dir hier und hatte mir dann eine Verbindung eh eine Verbindung hergestellt äh, die eine war mit Rollei, einer deutschen Firma, die damals grossspurig nach Singapore kam und sagte: „jetzt zeigen wir den Chinesen mal wie man Kameras baut“ und das zweite war HP. Äh, die Rollei-Leute, ich war damals in der Qualitätskontrolle tätig, und war der Meinung, Qualitätskontrolle ist letztlich egal was ich kontrolliere, weil es ist angewandte Statistik und natürlich ein

bisschen know-how, wollte äh wollte man natürlich unter allen Umständen beweisen, dass ich

von der Optik keine Ahnung hatte. Äh, bei HP waren wir eigentlich Vertrags- äh äh Abschluss bereit,

da war also, das Papier war fix und fertig, dann passierte und das ist an Chips manchmal so

folgendes: Neunzehnhundertzweiundsiebzug geriet auch HP in die roten Zahlen und zwar

der Job, den ich machen sollte, war, eine neue Produktionslinie für einen Taschenrechner

aufzubauen, nämlich den damals neuen Scientific Calculator von HP, der in Singapore ge-

fertigt werden sollte. Da aber HP nun rote Zahlen schrieb, wurde das Projekt auf Eis gelegt.

Somit wurde auch mein Vertrag auf Eis gelegt. Da meine Frau im sechsten Monat schwanger

war und ich ich jetzt auch nicht über Mittel verfügte, da bleiben zu können, haben wir uns kurz-

fristig entschlossen, schnell, also zurück nach Deutschland zu gehen. Weil damals durfte man auch nicht in späterer Schwangerschaftszeit mit der Fluggesellschaft fliegen, also es war noch

beschränkt damals. Dann sind wir nach Deutschland. Und so bin ich also dann dreiundsiebzig

eh wieder bei Fairchild oder zurück zu Fairchild gekommen, denn mittlerweile hatte man

Richard Bohnet, Dick Bohnet, aus, auch ein Motorolaner, aus Mountain View nach Wiesbaden

geschickt, um dieses Werk, was eingemottet war, wieder zu entmotten und wieder zu produ-

zieren. So begann ich also neunzehnhundertdreiundsiebzig ähm in Wiesbaden als Leiter der

Qualitätskontrolle äh, dort wieder äh Fuss zu fassen, bei Fairchild.

 

(HGS:) In der Zwischenzeit ist aber doch eine Menge passiert, und eh die, die ähm Transisto-

renzeit, wenn man so will, ist von der Entwicklungsseite äh in ja, sagen wir mal Spezialisierungs-

wege gegangen, parallel dazu war dann ja aber der erste integrierte Schaltkreis erfunden.

(C.K:) Richtig! (HGS:) und es ging nun eine völlig neue Welle los, äh ehm der Bedarfssitu-

tion im Markt weltweit für nicht nur Spezialtransistoren, sondern auch für integrierte Schalt-

kreise. (C.K:) Richtig! (HGS:) was geschah da im Werk Wiesbaden in der Richtung, oder

was geschah bei Fairchild?

 

(C.K:) Ja, ja eh, das ist genau der Punkt, der ehm, äh, das eh eh eh gut, dass Sie mich

daran erinnern, oder darauf aufmerksam machen, das war natürlich auch mit ein Punkt eh,

denn äh wie gesagt, im eh eh ersten Werk in Wasserburg am Inn wurden nur Transistoren

gefertigt. Es gab zwar schon einige integrierte Schaltkreise. die wurden aber nur in Italien

gefertigt und äh SGS hat diese natürlich durch die Trennung von Fairchild hier den An-

schluß verloren.

 

Äh, Fairchild fertigte mittlerweile natürlich äh integrierte Schalkreise, im

wesentlich im Anfang natürlich lineare Operationsverstärker und dann eben auch natür-

lich digitale und eben die Second Source zu TI`s TTL Familie.

So, das Werk Wiesbaden, als es wieder eröffnet wurde dreiundneunzig, (HGS:) pardon

dreiundsiebzig, (C.K) Entschuldigung, dreiundsiebzig, also als das Werk Wiesbaden dreiundsiebzig

wieder eröffnet wurde, begann man mit der Produktion als Prüffeld, also Testing Field,

für äh MSI und RTL Schaltkreise, das hieß auf „deutsch“ gesagt: small scale integration und medium scale integration. Large scale integration gab es da noch nicht.

Im wesentlichen, also vierundsiebziger Familie, im wesentlichen äh Neuntausender, die

Neuntausender-Fairchild-Familie, neuntausendreihundert, und äh die wurden also, die kamen

also aus Singepore, die wurden also in Singepore, die eigentliche Montage, die eigent-

liche Montage fand in Singapore statt, wurden dann nach Wiesbaden geschickt zum Testen

und zur End ähä zur Endfreigabe für äh zum Versand für Kunden. So, und das war auch

gleich schon wieder die Misere äh in Wiesbaden, denn man hatte nicht den Mut den Schritt

zu machen, dort die Diffusion zu eröffnen, weil es natürlich äh Kapital äh Investition erfodert

hätte, mit SSI und MSI bei den relativ hohen Lohnkosten in Europa kamen wir nicht

zu Potte, man muss fairerweise auch sagen, hmmm die Mitarbeiter, die wir hatten, die eigentlich

in den zwei Jahren zuvor nur gelernt hatten zu überleben, nicht unbedingt die Fähigsten waren,

denn wenn ein Werk nicht mehr technologisch an der Spitze ist, gehen die guten Leute, weil

sie kriegen woanders einen Job, waren also nicht in der Lage, uns auf Vordermann zu bringen, so

dass wir wiederum Hilfe aus Portland und Mountain View einholen mussten. Wir hatten also dann

etliche Ingenieure und Experten, die uns dann halfen auf die Beine zu kommen. Trotzdem kamen wir

nicht richtig auf die Beine und mit SSI und MSI war auch kein Hofstaat zu machen. Ich kann mich noch entsinnen wie Dick Bohnet immer wieder durchgerechnet hat ja, vielleicht können wir das doch noch schaffen, oder das doch noch schaffen. Aber das war letztlich dann auch wiederum, der Anfang vom Ende. Dass man nicht konsequent war in Wiesbaden und auf höhere Technologien gesetzt hat,

auf Large Scale Integration oder eben auch die Diffusion ausgebaut hätte.

(HGS:) Zusatz zum Verständnis nochmal, das waren also dann Technologien, die SSI und die

MSI, die dann im Second Source-Verfahren mit Texas Instruments für Texas Instruments ge-

macht wurden (C.K:) J-ein.

(HGS) Denn Sie hatten vorhin gerade eben gesagt, das war eine Fairchild-Linie, die auch

eigenständig war, wenn ich das richtig erinnere, das waren die Dreiundneunzighundert-Familie.

(C.K.) Genau.

(HGS:) Das war eine Fairchild-Familie. (C.K:) Die Neuntausend, das waren Fairchild-Entwicklun-

gen, nur wenn man hier mal kurz eingeht auf die, auf das Interview von äh..mm Gerry Sanders,

äh äh wie`, wie der also damals zu DEC gegangen ist und äh äh äh,

(HGS:) das heißt, zu der Zeit wo Gerry Sanders noch Vertriebsleiter bei Fairchild war.

(C.K.) Es muß also Ende der, äh ich denke mal Achtundsechzig gewesen sein äh, wo man also zu

zu äh äh zu Digital Equipment ging äh um äh ihnen praktisch diese tolle neue Familie

vorzustellen, nämlich die Neutausendreihundert und Neuntausender Familie äh wo aber dann

man sich einigte, na ja äh weil der Digit-Equipment-Chef sagte, na ja eigentlich bräuchte ich

eine Second Source zu TI und dann hiess es, na gut, dann machen wir halt das. Und damit war

also die Fairchild-Entwicklungen und so weiter tot geboren und äh natürlich in Wiesbaden,

um da den Kreis zu schliessen, fertigten wir also die äh Vierundsiebziger Familie, also den

Second Source zu TI, das heisst, die wurden von Fairchild äh dekodiert, waren Fairchild-eigene

Entwicklungen, aber sie waren kompatibel zu der TI-Familie und eben die beiden Fairchild-eigenen

Linien Neuntausend, Neuntausenddreihundert äh, das wurde also zum damaligen Zeitpunkt

wie gesagt in Wiesbaden produziert. Äh - Das rechnete sich auch nicht. Also der Markt für die

Neuntausender, Neuntausenddreihundert war nicht groß genug. Andere Produkte waren nicht da.

Die Diffusion wurde auch nicht forciert, kommt noch ein anderer Punkt hinzu, äh- Wilf Corrigan, der

mittlerweile Hogan ausgebootet hatte und der CEO äh äh geworden war in Mountain

View äh. Als geborener Engländer hatte er natürlich ein höheres Interesse am Joint Venture mit

General Electric, England, mit Fairchild, als am Fairchild-eigenen Werk in Wiesbaden. Also, war

das quasi ähm fünfundsiebzig, sechsundsiebzig der Dolchstoss auch für das zweite Werk in

Deutschland, nämlich das Halbleiterwerk in Wiesbaden, wobei man aber klar sagen muss, das

erste Werk von Fairchild war eine reine Montage.

 

Es wurden also aus Fernost äh äh wurden Wafer angeliefert und wurden fertige Produkte zum

Kunden produziert. Das zweite Werk war eigentlich nur ein Prüffeld, das heißt halbfertige Ware

wurde aus Singepore angeliefert, wurde gemessen und dann an den Kunden geliefert. Und dieses

zweite Werk wurde also dann sechsundsiebzig auch wieder geschlossen. Damit war das Kapitel Wiesbaden beendet.

(HGS:) Und wenn Sie das so süffisant sagen, dann eh gibt es wahrscheinlich noch ein weiteres

Kapitel „Fairchild“. (C.K:) Ja gut. (HGS:) Bei dem Sie auch noch beteiligt waren.

(C.K:) Ich hatte also das, das ist auch interessant, ich habe also jetzt nun mit meinem wir waren

damals noch sehr jung. Ich hatte also in meinem jungen Leben jetzt dreimal ein Werk mit aufge-

baut, nämlich Wasserburg, neunzehnhundertsechsundsechzig bis siebzig, dann Singapore

siebzig bis dreiundsiebzig und dann Wiesbaden dreiundsiebzig bis sechsundsiebzig und jedes

Mal mit dem gleichen Erfolg, um es wieder einzumotten. Das war sehr frustrierend.

(HGS) das glaube ich.

(C.K.) das heisst, wir müssen also, Sie müssen sich bemühen, Sie müssen Leute anwerben, die Leute anlernen und so weiter. Das Ganze auf Vordermann bringen und die Effizienz hochbringen, die Yields

und Ausbeuten, nur um das dann zwei Jahre später oder drei Jahre wieder abzuschliessen. Das kanns

ja wohl nicht sein. Dann äh, habe ich also für mich damals auch noch den Entschluss gefasst,

dass ich gesagt habe, Qualitätskontrolle ist irgendwie – ich nenn das negativ „for the birds“.

Also äh, das heisst, das Management, ich sprech jetzt vom oberen Management, CEO's und

dergleichen äh, die haben keine Konzeption, keine Ahnung von Qualitätskontrolle, die merken

nur, wenn es Qualitätsrpobleme gibt, dann werden sie aufmerksam : oh, da brauchen wir eine

Qualitätskontrolle, da müssen wir Leute einstellen. Wenn aber die Qualitätskontrolle einen

Superjob macht, dann kommt das Management und sagt: ja Moment, wozu braucht Ihr die

ganzen Leute, die brauchen wir doch nicht, wir haben doch keine Qualitätsprobleme, ja?

Und dann werden also die Leute gestrichen und das hab ich also spätestens nach dem

dritten Mal geschnallt und hab mich dann neunzehnhundertfünfundsiebzig sechsundsiebzig

umorientiert, bin mehr in Richtung Kunden gegangen. Natürlich zuerst einmal als Qualitätsmann

indem ich mit den Verkaufsleuten zum Kunden gegangen bin und über die Qualitätdpro-

bleme und so weiter gesprochen habe. Und hatte auch hier eigentlich Unterstützung von unserm

Don Brettner, der dann später auch maßgeblich beteiligt war am dritten Fairchild-Werk in

Europa, der das gefördert hatte und auch mein damaliger Chef, Otto Stolz. Und äh so hab ich

mich also dann umorientiert und äh bin also dann aus der Produktion beziehungsweise Qua-

litätskontrolle in die Marketing, über ins Marketing übergewechselt. Und äh äh, dass Fairchild

natürlich in Europa weiterhin bestand, das war ausser Zweifel, da war halt nur kein Werk mehr

und indem, dass also kein Werk mehr vorhanden war, war dann auch der Standort Wiesbaden

nicht mehr zwingend notwendig äh, wie das halt damals so war, in den siebziger Jahren. Wenn

irgendwas vorangehen soll hiess es: „buy a tiger from TI“, also man hat Siegfried Mack von TI

eingekauft und der sollte also Fairchild jetzt auf Vordermann bringen. Ein hervorragender Ver-

kaufsmann. Ich muss sagen, ich hab also auch gute Erfahrungen mit Siegfried gemacht, bei allem

was ist. Und äh äh Fairchild wurde also dann die die europäische Niederlassung aber

Wiesbaden war ja eigentlich die Zentrale für Europa. Wiesbaden war also auch für Gesamt-

europa verantwortlich. Das war es dann noch einige Jahre im Marketingbereich äh das wurde

aber dann durch Bob Blair nach England verlegt und äh, Wiesbaden war dann rein Deutschland

und, und Zentraleuropa, also Deutschland, Schweiz, Österreich und da Siegfried Mack in München wohnte, wurde also dann für uns alle umgedacht und das alles nach München verlegt.

(HGS) nach Garching (C.K.) nach Garching.

(HGS) So, das heisst Ihre eigene Orientierung ging von dem Produktionsumfeld dann in das Vertriebsumfeld. Eigentlich ja ein ganz normaler Wandel der da vor sich geht, aber schon begründet damit, dass Qualität ein Dualismus ist zwischen dem was man aus einem Werk herausbringt und was der Kunde empfängt. Und insofern hat man eigentlich eine direkte Kundenrelation, auch auf der Ebene. Wenn man sie dann pflegt und wenn man verstehen will, warum der Kunde meint, er kriegt gute oder schlechte Ware. Aber aus der Kundenbeziehung haben sich dann ja und aus der Produkt ähm –vielfalt sagen wir mal so, haben sich dann ja Anwendungsfelder ergeben, die dann ja, soweit ich das beurteilen kann, zu recht ansehnlichen Erfolgen im Markt geführt haben, trotz der Schliessung des Werkes, also eine Umkehrung eigentlich der ursprünglichen Problematik bei SGS, es brachen die Kunden weg und weil das Werk geschlossen wurde, brachen die Kunden weg und nun das Werk wurde geschlossen,

 

aber der Vertrieb wurde aktiviert und der Vertrieb wurde direkt dann auf die Kunden und Kundenbedürfnisse angesetzt. War das ein völliger Dreh in der Richtung des Unternehmens und hat es Erfolg gebracht?

(C.K:) Also des muß man, muß man ganz klar sagen, meine amerikanischen Freunde nennen

mich ja immer Candid Curt, äh das heisst also, ich bin da nun immer sehr direkt äh und ich muss

also auch ganz klar sagen äh, die in den siebziger Jahren, die Verkaufsleiter, die waren Amerikaner.

So, man muss wissen oder man weiss, dass der Amerikaner ein, zwei Jahre nach Europa geht, weil

länger kann er nicht aus Visa und anderen Gründen und dann gehts wieder zurück. Im Prinzip

er auch keine grossen Interessen hat und äh man sagte also auch immer äh, dass da so die Top-

Leute niemals ins Ausland gehen, weil nämlich die guten Jobs äh in der Zentrale vergeben werden. Also ich erinner mich noch an unseren Freund Gerry Cohen, damals Sales Manager für Europa, der also lieber mit seiner Weinflasche am Schiersteiner Rhein lag, als sich um die deutschen Kunden zu bemühen.

Na, das war halt so und hier war also ein massgeblicher Wandel. Ob der Firmenleitung, sprich Wilf, das damals bewusst war oder nicht, das mag ich nicht beurteilen, aber man kann hier ganz klar sagen, äh Siegfried Mack brachte also ein, ein brachte einen völlig neuen Schwung hinein in die Verkaufsmannschaft. Und äh äh es kam dann noch etwas hinzu, aufgrund seiner vorherigen Erfahrungen, die in GRUNDIG begründet war, und damals, wie er mir jedenfalls sagte, er persönlich fünfzig Millionen gemacht hatte im Umsatz, äh besannen wir uns mehr auf das Consumer-Geschäft. Äh Traditioneller, so in der Vergangenheit war Fairchild halt mehr im Computer-Bereich tätig gewesen, also Kunden wie Honeywell, Bull, Philips und dergleichen. Äh und Siegfried forcierte also ganz klar das Consumer-Geschäft, das heisst hier äh haben wir den Markt mit ähm wieder mal Second Source Produkten zu Philips – Valvo für die Fernsehgeräte gemacht. Es waren unsere Kunden im Grunde Saba und dergleichen ITT, Schaub-Lorenz, die großen Fernsehhersteller, Loewe, Nordmende in Deutschland

und es gab eine ganz kleine Firma, kann ich mich noch entsinnen, äh in Skandinavien, die haben auch ein paar IC's von uns gekauft. Nokia hieß die Firma und man hat dann auch mal zehntausend Stück an Nokia verkauft. Grundig hat drei Millionen genommen, Nokia hat zehntausend Stück genommen. Was aus Nokia geworden ist, wissen wir ja heute.

Äh, ok, Siegfried hat also das forciert, den Consumer-Bereich äh zur gleichen Zeit kam, weil Sie

gerade die Technologie ansprachen, Herr Sandfort, kamen natürlich auch mittlerweile die ersten

Microprozessoren auf den Markt und äh Fairchild hatte, was gar nicht so bekannt ist, wahr-

scheinlich, aber Fairchild hat da also einen recht guten Microprozessor, damals den soge-

nannten Ein-Chip-Prozessor, den achtunddreißigziebzig. Das heisst, man brauchte also nicht mehr

zwei Chips sondern das war alles auf einem Chip und hier hatten wir riesige Aktivitäten gestartet.

Auch beim Siegfried und unserem damaligen Applikationschef, Herrn Elshuber, und wir waren

eigentlich in allen deutschen Consumer-Firmen vertreten von Blaupunkt über Grundig, Becker,

Autoradio äh, Normende überall waren unsere äh äh Microprozessoren ein-designed und es wäre

ein riesen Geschäft geworden, wenn nicht dann plötzlich in Mountain View die Entscheidung ge-

fallen wäre, dass Consumer ein schlechtes Geschäft ist und man sich das, also daraus zurückzog

und das also nicht weiter forcierte, weil plötzlich erschien ein neuer Stern am Himmel, nämlich

Telekom. Das war also Ende der siebziger Jahre. Die Ironie auch hier, wieder durch die,

das also im Consumer-Geschäft äh, das war irgendwie self propelled,

das war wie ein Perpetuum mobile, das heisst, der - der Consumer-Kunde nahm uns unsere halb-

fertigen Produkte ab, der brauchte gar nicht, die brauchten nicht zu Ende entwickelt werden, weil

er die dringend brauchte. Und wir konnten das gleiche Produkt mit geringfügigen Variationen

an den Wettbewerber verkaufen. Ich erinnere mich, also wir hatten eine damals äh die erste

Digitaluhr, nannte sich bei Grundig „Sono-Clock“. Das war ein Riesenumsatzbringer und bei

Grundig musste man also zum Weiterstellen der Zeit jedesmal drücken, das gleiche, den

gleichen Chip verkauften wir an Normende, der einzige Unterschied war, dass man nicht jede

Sekunde einzeln durchtasten musste, sondern wenn man es gedrückt hielt lief es von alleine

durch. Und desgleichen konnten wir also Kunden halbfertige Produkte verkaufen. Äh, ich erinner mich an einen, an einen PLC-Schaltkreis, den wir an Saba verkauft haben, der drei Versorgungsspannungen brauchte. Davon war eine, glaube ich, ach, ein drittel genutzt, damit der Chip auch funktionierte.

Aber Saba stand so unter Druck, das so in den Markt zu bringen, dass die das akzeptiert haben.

Und natürlich haben wir dann immer gesagt: ok passt auf, wir machen das jetzt ein halbes Jahr

so und dann schieben wir die nächste Version nach. Und dann machen wir noch mehr und noch

mehr. So und das war also recht erfolgreich.

 

Äh - Dann kam Telekom und da begann ein ganz gewaltiger Trugschluss bei unseren Marketing-Leuten, denn die haben das nicht geschnallt, dass Telekom eine völlig andere Industrie ist. Sie sind dann auch, ich erinner mich, als wir damals das Codec hatten, sie dann auch zu dem Telekom-Kunden gesagt haben, ja oh, passt mal auf, wir haben hier ein Codec, zwei-Chip-Codec und im nächsten Jahr kriegts Du dann den Ein-Chip. Und dann ist folgendes passiert. Dann haben die Telekom-Kunden gesagt: ja, dann warten wir bis nächstes Jahr. Ja...ha, ha, andere Entwicklungszeiten !

Und noch etwas anderes, während also Grundig natürlich nicht mit Saba sprach und nicht mit

Mende und nicht mit Philips, waren die Telekom-Leute alle in ihrem Symposium, sprachen alle

miteinander und da ging es nur, dass man ihm den gleichen oder ihm das Gleiche, nur leicht modifizierte

verkaufen konnte. Also das war ein ziemlich gewaltiger Einbruch, den wir dann Anfang der acht-

ziger Jahre im Bereich Telekom hatten, ähm denn das führte also zu einer riesen Ernüchterung

weil eben der Umsatz, der im Consumer-Bereich läuft, dort nicht stattfand. Das sind ganz andere

Entwicklungszyklen, längere Zeiträume und die Leute im Telekom-Bereich sind wesentlich kon-

servativer.

(HGS:) So, wir sind also jetzt bei den Ende siebziger Jahren eh, die Vertriebsschiene war erfolg-

reich. Ja, das haben wir gerade festgehalten, es wurden sehr erfolgreiche Neuprodukte eingeführt

im Consum-Bereich und dennoch hing man in Fairchild an den alten Verbindungen innerhalb der

USA, die Image gebracht haben, nämlich für den super Computer bei CRAY zum Beispiel, die

Chips zu entwickeln und zu liefern. Für die Rechner bei IBM Hauptlieferant zu sein und während

all das sich entwickelte, lief parallel eine völlig andere Entwicklung an, nämlich, ehm, man begann

Mittlere Datentechnik zu entdecken. Wir sprachen von Nixdorf, wir sprachen von Olivetti, wir

sprachen von diesen Leuten, das war die Vor-PC-Ära und das hat Fairchild sehr sehr interes-

siert, sie waren dort auch sehr erfolgreich und trotzdem ist nochmal ein Ansatz gefahren worden

in Europa eine Produktionsstätte aufzubauen – Uhren. Wie, wie hat sich das denn manifestiert,

aus Ihrer Sicht?

(C.K:) Ja, (HGS:) wie haben Sie das gefunden? (C.K:) Auch wieder wahnsinnig

interessant, ähm, es ist manchmal lustig, wie das Leben so spielt und ich war mittlerweile in den

USA tätig gewesen, also bin von, von München dann nach neunundsiebzig in die USA gegangen und

war dort im Marketing für Automotive tätig. Vielleicht das auch nochmal ganz kurz äh am Rande,

das auch vielen Leuten nicht bekannt ist, Fairchild ist eigentlich massgeblich dafür verantwortlich,

die Elektronik ins Automobil gebracht zu haben. Und der Hintergrund war ganz einfach der, dass

VW die damals schon entwicklungstechnisch-- hmmm möchte ich sagen, an der Spitze in der deut-

schen Automobilindustrie waren, speziell was Elektronik belangt, anbelangt, die Vor-

stellung hatte, äh die damals noch üblichen Kontakte zu ersetzen durch eine elektronische Zündung. äh An ihren Lieferanten, nämlich die Firma Bosch, herangetreten ist und gesagt hatte: hör zu, ähm, wir brauchen so was. Und man würde bestätigen, also das geht nicht, das kann man nicht, das gibt's nicht.

Äh, dann äh kam die Verbindung damals zu Professor Fiala bei VW zu Fairchild, weil er wusste, dass Fairchild für General Motors so etwas baut. Und richtig, also Fairchild hatte seit Mitte der siebziger Jahre in dem Hybrid-Werk in dem übrigens auch die Fairchild äh die Polaroid Kamera gefertigt wurde äh die äh Hybrid-Zündung für General Motors Fahrzeuge gebaut, also als new venture damals. Und.. nur die war nicht gut genug für VW äh, jetzt zeigt sich wieder die deutsche Ingenieurskunst. Und die ist ja noch heute so dominiered auf dem Automobilmarkt. Denn ich kann mich entsinnen Anfang der achtziger Jahre hiess es mal: ja in fünf Jahren gibt's nur noch vier Automobilfirmen in Europa und mittlerweile gibt's allein fünf oder sechs in Deutschland, immer noch, he und recht erfolgreich. Ähm wir haben dann zusammen mit VW die elektronische Zündung mit dem Hall-Generator entwickelt, der natürlich wesentlich präziser war, als die magnetische Zündung. Und äh und die dann auch eingeführt und äh, das war sehr erfolgreich. Die hat nämlich äh bei VW zu riesen Einsparungen geführt und zwar aufgrund .. deshalb, das war der eigentliche Knackpunkt, weil äh ein Großteil der Automobile von älteren

Leuten gefahren wird. Ich muß jetzt sehr vorsichtig sein, ich falle wohl auch in diese Kategorie

hinein. Das heisst also, die Oma oder der Opa fahren das Auto nie aus, fahren im Jahr viel-

leicht äh dreitausend Kilometer und das führt dazu, dass die Kerzen verrussen und das Auto

nicht mehr läuft. Da alles über Garantie läuft, fährt er in die Werkstatt äh, dort werden neue

Kerzen eingebaut und das kostet eine Menge Geld. Mit der neuen Transistorzündung stellte man

fest, man sparte also Millionen ein und das war sehr schnell ersichtlich äh, weil es das nicht mehr

gab. Diese Funken generiert im VW hat da fünfzehntausend Volt als Spannung. Die

brannten alles durch, egal wie verrusst die Kerzen waren. Also man sparte riesen äh Dinge.

 

 

(HGS) insbesondere beim Service....(C.K.).. an Service ein ja, und das rechnete sich und man wurde also

sehr schnell ähm sehr schnell äh ähm handelseinig. Es wurde in alle Fahrzeuge eingebaut. Wir hatten aber damals leider einen Wechsel, die Firma Schlumberger meinte, sie müsste nun das Öl der neunziger Jahre äh ähm mitmischen und das sei in Technologie, ha, ha..

(HGS:) ich erinnere mich, dass damals die grosse Rede davon war, dass das Silicium an Bedeutung, das Öl ersetzen wird. Keine dumme Idee im übrigen, wenn man sich mal die ökonomischen Effekte der einzelnen Dinge anschaut, aber das alles lassen wir mal einfach so im Raume stehen.

Also erinnere: der Ölgigant, der Ölgigant geht auf das nächste Generationselement der Zukunft: Silizium zu.

(C.K:) Ich erinner mich an das erste Gespräch mit unserem Herrn Roberts, der neue CEO. Und wir hatten also immer, im August fand eine weltweite Sales Conference statt, sämtlich Sales Manager der Welt kamen in Mountain View zusammen und man traf sich eine Woche, tauschte aus und äh Know-how, neue Entwicklungen wurden dargestellt und dergleichen. Und äh, Roberts sagte damals, na ja, die Fairchild-Leute, das sind jetzt alles Forscher. Jetzt müssen wir sie mal küssen und dann schaun

wer mal ob sie sich in Prinzen verwandeln. (HGS:) Wir waren gerade nochmal zurückgekom-

men auf die erfolgreiche Zeit eigentlich, die so zwischen Mitte siebzig bis Ende siebzig Anfang

achtzig wirklich marktorientierte Aktivitäten von Fairchild in Europa sah, die richtig gegriffen

haben, wo die Umsätze auch wirklich messbar und spürbar gewachsen sind und ehm und dann

gab es aber irgendwo im Hintergrund gewaltige Verschiebungen, die mit der Technologie eigentlich nichts zu tun hatten, die dann wieder dazu geführt haben, nachzudenken in Europa zu

produzieren. – (C.K:) Genau! – (HGS:) Was war passiert? (C.K:) Die äh die Wahl von Ronald

Reagan neunzehnhundertneunundsiebzig zum Präsidenten der Vereinigten Staaten führte also

zu einer Umkehr äh des gleitenden Dollars, der Dollar war also mit Beginn siebzig äh äh runter-

gefallen, also noch neunzehnhundertsiebzig war der Dollar eins zu vier, also ein Dollar war

vier D-Mark und er war im Jahr neunundsiebzig runtergesackt bis auf eins Komma acht,

selbst für einen Dollar bekamen Sie nur noch eine Mark und achtzig. Äh mmmm mit Reagan

und seiner Regierung der Republikaner, wandelte sich das Blatt sehr schnell. Innerhalb von

ein zwei Jahren, stieg der Dollar wieder auf über zweizwanzig und man, man überlegte natürlich

jetzt nun, dass, wenn der Dollar wieder steigt, also sprich, die D-Mark billiger wird, sich natürlich

ein Werk in Deutschland wieder mehr rechnet. (HGS:) Ja und vor allen Dingen die Spekula-

tionen waren ja, dass der Dollar auch weiter noch steigen würde, das heisst, sämtliche Forecast-

Voraussagen für den Dollar waren weitere Steigungsmöglichkeiten über die folgenden Jahre

der Amtszeit Reagan und jeder weiss, das waren erst mal vier Jahre und könnten nochmal

vier Jahre sein. (C.K:) Ja, genau. (HGS:) So dass also Befürchtungen äh entstanden, wenn

ich Sie richtig verstanden habe, dass hier um eventuell Einbussen aufgrund der Währungs-

konvertierung entstehen würden und da der Markt jetzt gerade gegriffen hatte, wollte man

nochmal nachziehen und den Vorteil der Währungsungleichheit, wenn man so will, nutzen.

Was hat man dann gemacht? (C.K:) Es ist ja auch so, wenn man sich überlegt, neunzehn-

hundertneunundsiebzig äh ein Dollar gleich eine Mark achtzig hmm neunzehnhundertzwei-

undachtzig zwei Komma zwei, der Dollar ist dann bis auf drei äh D-Mark und vierundsechzig

gestiegen im Jahr fünfundachtzig, ja. Also das, das war sicherlich richtig. Man überlegte also,

ein Werk in Wasserburg aufzu.., also in Deutschland wieder ein Werk aufzubauen. Ähm und

mittlerweile war der Don Brettner, der damals unser General Manager Anfang der siebziger

Jahre in Wiesbaden war, war für die Werke in, war für die Werke bei Fairchild zuständig

(HGS:) Also weltweit. (C.K:) Weltweit und äh ich unterhielt mich dann mit ihm. Man hatte

also Deutschland wieder ins Auge gefasst, weil Deutschland natürlich der grösste Markt war

und hatte also zwei Standorte, nämlich Augsburg und Wasserburg. Und dann konnte ich

Don Brettner damals davon überzeugen, nach Wasserburg zu gehen, wobei ich natürlich

ein eigenes Interesse hatte und mit ihm auch auch schon ausgehandelt hatte, dass ich ein

Interesse an Wasserburg hatte, weil ich gesagt habe, hörzu, äh.. der.. äh... der... der... die

Schliessung des Werkes neunzehnhundertsiebzig wurde eigentlich niemals Fairchild angelastet,

sondern SGS und die Stimmung in Wasserburg für Fairchild war immer ganz hoch. Also Fairchild

war ganz hoch angesiedelt. Brettner ist dann äh achtzig herüber, einundachtzig herüber, achtzig

war's glaub ich und kam zurück und sagte, ja Curt, Mensch sagte er, Du hast Recht. Also ich bin

 

 

dort mit offenen Armen aufgenommen worden und die Leute wissen alle, was Fairchild ist und

so weiter und so fort und ganz klar, wir gehen nach Wasserburg. Dann gab es noch ein weiteres Problem, nämlich mittlerweile hatte Tom Roberts entschieden, dass man dort nicht den gleichen Fehler macht

wie Wiesbaden, sprich, nur ein äh Testwerk aufbaut, sondern gleich eine Diffusion.

Dazu braucht Ihr aber mehr Land. So, das Land war jetzt nicht verfügbar, weil man hat, glaub

ich, nur ein oder zwei Hektar dort äh und dann auch nur noch eine Anekdote. Mein äh äh damaliger

Freund und Trauzeuge, sein Schwiegervater war der zweite Bürgermeister, also war na-

türlich eigen Interesse. Also Wasserburg. Hab ich den angerufen (HGS:) das klingt ja fast nach

Klüngel..(C.K:) Ja, ja nun mal weiter. Also hab ich ihn angerufen und er hat also dann

damals mit seinem ersten Bürgermeister, Dr. Geiger, hat man dann ein Land fest gemacht.

Man hat also Gut Lauden, hat man dann Land gekauft und somit war also

dann das Werk wieder gerettet. Man hatte also die zehn Hektar glaub ich, um die gings, zur Ver-

fügung und Fairchild baute also dann äh wieder ein Halbleiterwerk, nämlich äh ein ein Montage-

werk, ein voll integriertes. Und die zweite Stufe dann eben erst die Diffusion. Die dann, ich glaube zweiundachtzig, wenn mich nicht alles täuscht, eröffnet wurde. (HGS:) Ja. (C.K:) Richtig.

(HGS:) So, und plötzlich sieht es so aus, als wenn Fairchild wieder richtig voll, in voller Fahrt

auf den Markt zustürmt und Schlumberger hat die Sicht gehabt, dass Silizium das Öl ersetzt

und es kam alles ganz anders. (C.K:) Ja gut, ich mein wie ja heute bekannt ist, hatte Schlum-

berger äh sicherlich äh nicht den leisesten Clou von der Halbleiter äh weder der Technik noch

Marketing noch andere Dinge äh. Man hatte ja äh äh innerhalb von genau zwei oder drei Jahren

zwei oder dreimal das komplette Management ausgewechselt und äh äh, das heisst also, man

...man...- das Top-Management wusste eigentlich gar nicht, wo es eigentlich lang ging und was. Das

führte dazu, dass man in Wies.. in, in Wasserburg äh den gleichen Fehler machte, wie in Wiesba-

den. Man äh baute also am Anfang nur ein Testfeld auf. Man hatte nicht die besten Leute. Sie

kamen buchstäblich nicht in die Pötte und kamen also wirklich erst in die Pötte nachdem man wieder

Leute aus Singapore einfliegen musste, die das Werk dann auf die Beine brachten. Äh, das war

aber wieder viel zu spät und mittlerweile begann der Dollar sich wieder in die andere Richtung zu

entwickeln. Denn ich dachte der Peak war meines Wissens fünfundachtzig (HGS:) Richtig.

(C.K:) Und ab fünfundachtzig ging es wieder in die andere Richtung. So, jetzt ein Werk was also

nicht effizient arbeitet, was also Leute aus Singapore benötigt um ihnen zu zeigen, wie es geht.

Dazu kommen aber noch technische Querelen bei South Portland äh man hatte also dem Werk

Wasserburg keine klare äh Allocation gegeben, was es technologisch machen sollte. Also machte

ein bisschen South Portland das, etwas veraltete Digitaltechnik, sprich Second Source zu TI, immer

noch in den achtziger Jahren und dann der.. der sich umkehrende Dollar führten dann letztlich dazu,

dass das Werk wieder mal geschlossen wurde.

 

(HGS:) Und mit dieser traurigen Geschichte gab es dann ja auch irgend wann kurz danach ge-

waltige Verschiebungen nochmal in den USA. Fairchild in Europa ist praktisch nicht mal mehr

existent gewesen. (C.K.) Ja. (HGS) die Vertriebsorganisation wurde auch hmm in Anführungsstrichen

geschlosssen, weil Fairchild eigentlich von National Semiconductors gekauft wurde. Also

Schlumberger hat sich aus diesen ganzen Aktivitätskreisen verabschiedet äh, etwas unruhig,

indem man gesagt hat, also wir verstehen letztlich doch, vielleicht verständnisvoll, indem man

gesagt hat: also jetzt müssen wir langsam einsehen, wir verstehen nichts von diesem Geschäft und

wir geben das lieber in die Hände von Leuten, die was von dem Geschäft verstehen. Und man ver-

kaufte also alles, was noch von Schlumberger ..äh.. als Fairchild vorhanden war, an die Firma

National Semiconductors. Und damit ging eine rühmliche Aera der Gründerfamilie eigentlich

des Silicon Valley sehr traurig in ein Zwischenstadium. (C.K:) Das ist also auch wiederum in-

teressant, man munkelte damals, neunundsiebzig, dass Schlumberger grössenordnungsmässig

fünfhundert Millionen Dollar für Fairchild bezahlt hatte ..äh..., die Leute, die damals Aktien hatten

oder Optionen, haben ein sehr gutes Geschäft gemacht, weil wir hatten meistens Optionen zu

zwanzig Dollar äh Schlumberger zahlte fünfundvierzig Dollar pro Aktie (HGS:) fünfundsechzig.

Sie wurde hochgepokert, es war ein Angebot von Gould vorhanden.

 

(C.K:) Und äh äh also Schlumberger hat ca. fünfhundert Millionen Dollar bezahlt. Hat dann in

den sieben Jahren eins Komma fünf Milliarden Dollar hineingesteckt und hat es dann, also man

muss sich das mal vorstellen, man hat zwei Milliarden Dollar investiert und hat es dann für

 

hundertzwanzig Millionen an National verkauft. Es ist ein bisschen verzerrt, weil man einige Bereiche

ausgegliedert hat. Da gibt's zum Beispiel die Testsystems Group, aber trotzdem, äh äh

es ist ein etwas unrühmliches Ende geworden.

(HGS:) Herr Kesting ich habe mich riesig gefreut, dass wir uns heute nochmal richtig mit der

Historie dieses Pioneers Fairchild Semiconductor befassen konnten und ich danke Ihnen

ganz herzlich, wünsche Ihnen persönlich mit Ihrem heutigen Unternehmen GLP Systems, dass

Sie erfolgreich bleiben und ich freue mich, hoffentlich in zweitausendacht, Sie bei der nächsten

ELECTRONICA nochmals einladen zu dürfen.

(C.K:) Mich hat es auch sehr gefreut, Herr Sandfort, ich danke Ihnen für die Einladung. Es war sehr interessant, alles noch mal Revue passieren zu lassen.

 

-Ende-